Die eigene Erschöpfung ernst nehmen: Warnzeichen bei pflegenden Angehörigen
Sie schlafen schlecht, sind gereizt und können sich nicht erinnern, wann Sie zuletzt etwas für sich getan haben. Woran Sie erkennen, dass es zu viel wird, und welche Hilfen es gibt.
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Sie haben Ihrem Vater heute Morgen angeschnauzt, weil er den Becher umgestoßen hat. Danach haben Sie im Bad geweint und sich geschämt. Nachts liegen Sie wach, obwohl Sie todmüde sind. Die Freundin fragt, wann Sie mal wieder Zeit haben, und Sie antworten nicht. Und irgendwo in Ihnen sitzt der Satz: Ich kann nicht mehr. Sie sagen ihn nur niemandem.
Wenn Sie sich hier wiedererkennen, ist dieser Text für Sie. Nicht, um Sie zu belehren, sondern um Sie daran zu erinnern, dass Sie selbst auch zählen.
Woran merke ich, dass es zu viel wird?
Erschöpfung durch Pflege sieht selten aus wie ein Zusammenbruch. Sie sieht aus wie ein normaler Tag, nur grauer. Prüfen Sie ehrlich:
Warnzeichen, die Sie ernst nehmen sollten
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Wenn mehrere Punkte zutreffen, ist es Zeit, etwas zu ändern. Nicht irgendwann. Jetzt.
Wenn es gefährlich wird
Wenn Sie Gedanken haben, sich oder dem Menschen, den Sie pflegen, etwas anzutun, oder wenn Sie das Gefühl haben, die Kontrolle zu verlieren: Holen Sie sofort Hilfe. Beim Hausarzt, beim ärztlichen Bereitschaftsdienst unter 116117 oder bei der Telefonseelsorge, die rund um die Uhr erreichbar ist. Das ist kein Versagen. Es ist der mutigste Schritt, den Sie tun können.
Warum fällt es so schwer, Hilfe anzunehmen?
Weil Pflege sich wie eine Pflicht anfühlt, die man nicht abgeben darf. Weil die Mutter sagt, sie wolle „keine Fremden“. Weil die Geschwister nicht helfen und man es „dann eben selbst macht“. Weil es sich wie Verrat anfühlt, einen Tag für sich zu haben, während der Vater in der Tagespflege sitzt.
Dazu kommt ein Gedanke, der sich leise festsetzt: Niemand kann es so gut wie ich. Das stimmt oft sogar. Aber es ist kein Grund, es allein zu tun. Niemand pflegt gut, der selbst am Ende ist.
Was kann ich konkret tun?
Schritt 1: Zum eigenen Arzt gehen
Nicht für die Mutter, für Sie. Erzählen Sie, wie es Ihnen geht. Schlaf, Schmerzen, Stimmung. Der Hausarzt kennt Wege, die Sie noch nicht kennen, von der Physiotherapie bis zur Reha für pflegende Angehörige.
Schritt 2: Eine Pflegeberatung in Anspruch nehmen
Die Pflegeberatung (Erklärung im Lexikon) der Pflegekasse und die Pflegestützpunkte beraten Angehörige kostenlos. Sagen Sie dort ehrlich, dass Sie am Limit sind. Dann wird nach Entlastung gesucht, nicht nur nach Leistungen.
Schritt 3: Eine Leistung nutzen, die Sie bisher nicht nutzen
Der Entlastungsbetrag (Erklärung im Lexikon) für eine Haushaltshilfe. Die Tagespflege (Erklärung im Lexikon) an zwei Tagen. Die Verhinderungspflege (Erklärung im Lexikon) für ein freies Wochenende. Diese Budgets sind da. Viele Familien lassen sie liegen.
Schritt 4: Eine feste freie Zeit einplanen
Jeden Dienstagnachmittag. Jeden zweiten Samstag. Fest, im Kalender, mit Vertretung. Nicht „wenn es passt“. Es passt nie.
Schritt 5: Mit jemandem reden, der es kennt
Angehörigengruppen, auch online, oder ein Pflegekurs (Erklärung im Lexikon), in dem Sie andere Pflegende treffen. Zu hören, dass andere dieselben Gedanken haben, nimmt einen großen Teil der Scham.
Reha und Kur für pflegende Angehörige
Pflegende Angehörige können eine medizinische Vorsorge oder Rehabilitation bekommen, wenn die Gesundheit leidet. In manchen Einrichtungen kann die pflegebedürftige Person mitkommen und wird dort versorgt. Der Hausarzt und die Krankenkasse wissen, wie der Antrag geht.
Was, wenn ich berufstätig bin?
Dann tragen Sie doppelt. Für Berufstätige gibt es Pflegezeit (Erklärung im Lexikon) und
Familienpflegezeit (Erklärung im Lexikon), um die Arbeitszeit vorübergehend zu reduzieren, und in akuten Situationen die Möglichkeit, kurzfristig der Arbeit fernzubleiben. Sprechen Sie mit Ihrem Arbeitgeber, bevor Sie krank werden, nicht danach. Mehr dazu im Ratgeber Pflege und Beruf vereinbaren.
Sie dürfen auch aufhören
Manchmal ist die ehrliche Antwort: Es geht zu Hause nicht mehr. Nicht, weil Sie versagt haben, sondern weil die Pflege mehr geworden ist, als ein Mensch leisten kann. Ein Umzug ins Heim, eine Betreuungskraft im Haus, eine andere Aufteilung in der Familie: Das sind keine Niederlagen. Das sind Entscheidungen, die Sie und den Menschen, den Sie pflegen, schützen. Lesen Sie dazu auch Pflegeheim oder zu Hause?.
Sie zählen auch
Alles, was Sie tun, tun Sie, weil Sie diesen Menschen lieben oder weil Sie sich verantwortlich fühlen. Beides ist gut. Aber Liebe und Verantwortung brauchen jemanden, der sie trägt. Und dieser Jemand sind Sie. Wenn Sie heute eine Sache aus diesem Text umsetzen, dann diese: Rufen Sie morgen bei der Pflegeberatung an und sagen Sie, dass Sie Entlastung brauchen. Der Rest kommt danach.
Häufige Fragen
Darf ich die Pflege für ein paar Tage abgeben?
Ja. Genau dafür gibt es Verhinderungspflege und Kurzzeitpflege. Die Pflegekasse bezahlt eine Ersatzpflege zu Hause oder in einer Einrichtung, damit Sie Urlaub machen oder einfach durchatmen können.
Bezahlt die Krankenkasse eine Kur für mich?
Pflegende Angehörige können eine medizinische Vorsorge oder Reha beantragen, wenn die Gesundheit durch die Pflege leidet. Der Hausarzt begründet den Antrag, die Krankenkasse oder Rentenversicherung entscheidet.
Ich habe ein schlechtes Gewissen, wenn ich frei nehme. Ist das normal?
Sehr. Fast alle pflegenden Angehörigen kennen das. Es hilft, sich klarzumachen, dass die Pflege nur weitergeht, wenn Sie gesund bleiben. Freie Zeit ist Teil der Pflege, nicht ihr Gegenteil.
Wo finde ich andere, denen es genauso geht?
In Angehörigengruppen bei Pflegestützpunkten, Alzheimer-Gesellschaften, Kirchengemeinden und Wohlfahrtsverbänden, in Pflegekursen und in Online-Gruppen. Die Pflegeberatung kennt Angebote in Ihrer Nähe.
